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23. Juli 2020

Welche Rolle spielen Religionen und Weltanschauungen für das Individuum und für die europäische Gesellschaft?

Bericht zur Teilnahme am Programm Dialogperspektiven

Welche Rolle spielen Religionen und Weltanschauungen für das Individuum und für die europäische Gesellschaft? Mit dieser und anderen Fragen beschäftigt sich Dialogperspektiven. Religionen und Weltanschauungen im Gespräch – ein Programm der Leo Baeck Foundation, welches durch das Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerk realisiert wird. Seit fünf Jahren bietet man hier Stipendiat*innen deutscher Studienwerke die Möglichkeit, gemeinsam über eins der zentralen Themen unserer Zeit zu diskutieren. In diesem akademischen Jahr (2019-2020) wurde Dialogperspektiven erstmals für Studierende und Promovierende aus weiteren europäischen Ländern geöffnet.

Spannende Anknüpfungspunkte

Auf Anraten des Rabbiners der liberalen jüdischen Gemeinschaft in Esch/Alzette, Alexander Grodensky, sowie dem Direktor der LSRS, Prof. Dr. Jean Ehret, habe ich dieses Jahr erstmals an dem Programm teilgenommen. Ich selbst bin Religionswissenschaftlerin, habe erst vor kurzem mit meinem Promotionsprojekt im Bereich Biografieforschung angefangen und interessiere mich insbesondere für die Transformationsprozesse von Religiosität. Dementsprechend bietet die Teilnahme an Dialogperspektiven spannende Anknüpfungspunkte für mich. Das Besondere an dem Programm ist, dass die rund 60 Teilnehmenden aus allen möglichen Studienfächern kommen, sich unterschiedlichen Religionen, Konfessionen und Weltanschauungen zugehörig fühlen und somit eine große Diversität erzeugen, die eine vielseitige Diskussionsgrundlage bietet. Es wird nicht ein rein akademisches, sondern auch ein praktisches Ziel verfolgt: Wie können wir gemeinsam ein plurales und solidarisches Europa gestalten?

In diesem Programmjahr standen die beiden Themen „Religion und Identität“ (Herbstseminar 2019) sowie „Luxemburg – religiöse Vielfalt und gesellschaftspolitische Verantwortung religiöser Gemeinschaften im Zentrum Europas“ (Frühjahrsseminar 2020) im Fokus. Abgeschlossen wurde das Programm durch eine internationale Konferenz im Juni. Nachdem das Herbstseminar im Oktober noch wie geplant in Brandenburg stattfinden konnte, musste das Seminar im März, welches in Luxemburg und u. a. auch in den Räumlichkeiten der LSRS stattfinden sollte, spontan aufgrund der Covid-19-Pandemie in den virtuellen Raum verlagert werden.

Die Treffen und Workshops des Frühjahrsseminars sowie die anschließende internationale Konferenz im Juni fanden somit online statt. Eine Veranstaltung, die wir als LSRS im Rahmen dieses Programms geplant hatten (ein Abendessen mit Austausch, wofür Personen aus der Öffentlichkeit und Politik Luxemburgs sowie Repräsentanti*innen diverser Religionsgemeinschaften eingeladen worden waren) musste kurzfristig abgesagt werden. Die gute Nachricht: Dialogperspektiven plant ihren Besuch und ihr Frühjahrsseminar in Luxemburg im nächsten Programmjahr (2020-2021) nachzuholen, sodass auch das von der LSRS geplante Abendessen mit Austausch mit einem Jahr Verspätung stattfinden kann.

Religion und Identität

In diesem Jahr stand insbesondere der Identitätsbegriff im Mittelpunkt vieler Diskussionsrunden: Woher stammt der Begriff, wie wird er genutzt und wie sollte man bzw. wie möchte man persönlich mit ihm umgehen? Auch wurde hinterfragt, wie sehr Religion(en) und Weltanschauungen Identität(en) formen, prägen und verändern können. In den Diskussionen spielten außerdem Kategorien wie Geschlecht, Ethnizität („Rasse“), Nation und Klasse eine zentrale Rolle. Wir kamen zu dem Schluss, dass der Begriff Identität heutzutage eher negativ besetzt ist. Dies nicht zuletzt, weil er unter anderem innerhalb rechtspopulistischer Kreise viel Anwendung findet. Außerdem erschien er uns als ziemlich statisch, so dass er der heutigen pluralistischen und fluiden Gesellschaft, dynamischen und mobilen Individuen besteht, nicht ausreichend gerecht werden kann. Diese Feststellung führte zu kontroversen Debatten: Sollte man eher versuchen den Begriff der Identität neu, d. h. mit positiven und konstruktiven Attributen zu besetzen oder sollte man eher nach alternativen Begriffen suchen, welche den Anforderungen der heutigen Gesellschaft gerechter werden? Wir konnten keine eindeutige und einstimmige Antwort finden. Jedoch stellt dies meiner Ansicht nach auch nicht das Ziel solcher Diskussionen dar. Vielmehr geht es darum, sich bestehenden Problematiken bewusst zu werden, sie zu reflektieren und aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu beleuchten.

Religiöse Praxis

Neben Workshops und Vorträgen steht bei Dialogperspektiven auch die religiöse Praxis im Fokus. So begannen die Programmtage mit (religiösen) Morgenimpulsen, die durch Teilnehmende selbst geleitet wurden. Diese hatten z. B. die Form eines Gebetes, einer Meditation oder auch der Lesung eines (religiösen) Textes. Auch nicht-religiöse Impulse waren dabei willkommen. Bei diesem Programmpunkt ging es u.a. darum, den anderen Teilnehmenden seine Religion oder Weltanschauung und die damit verbundenen Praxen und Rituale näher zu bringen und im Zuge dessen anschließend auch in einen Austausch zu kommen. Daneben haben wir bei den (realen sowie virtuellen) Treffen gemeinsam mit den drei religiösen Begleiter*innen (Max Feldake, Rabbinerstudent am Abraham Geiger Kolleg, Dr. Ayşe Başol, Postdoktorandin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Studien der Kultur und Religion des Islam der Goethe-Universität Frankfurt am Main, und Kerstin Söderblom, ordinierte Pfarrerin der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau) den Sabbat eingeleitet, Impulse für das (muslimische) Freitagsgebet diskutiert und am Sonntag einen ökumenischen Gottesdienst gefeiert. Ich möchte hervorheben, dass die Teilnahme an diesen mal mehr, mal weniger religiös geprägten Aktivitäten freiwillig war. Ziel war das Kennenlernen und Reflektieren religiöser Praktiken. Auch – oder womöglich gerade – für eine Person wie mich, die sich selbst als nicht-religiös jedoch als äußerst religionsinteressiert definieren würde, hat dieser Einblick in unterschiedliche Religionspraktiken und -rituale sowohl den intellektuellen sowie den emotionalen Horizont erweitert.

Selbstreflexion

Als Religionswissenschaftlerin tendiert man häufig dazu, Religion(en) in erster Linie von außen zu betrachten und zu erforschen. Bei Dialogperspektiven bekam ich die Chance, in einem geschützten Raum und gemeinsam mit anderen interessierten und offenen Menschen, Religion(en) auf unterschiedliche Weisen von einer Innenperspektive heraus kennenlernen zu dürfen. Ich erkannte, wie persönlich, wie individuell Religionen und Weltanschauungen sein können. Außerdem wurde ich dazu angeregt, mich von meiner Beobachterperspektive zu lösen und meine eigene Beziehung zur Religion zu hinterfragen: Wieso definiere ich mich eigentlich als nicht-religiös? Inwiefern stellt dieses nicht-religiös sein einen Teil meiner Identität [1] dar? Was verbinde ich mit dem Begriff „religiös“? Des Weiteren rief diese Teilnahme bei mir erneut die Frage hervor, wieso ich mich eigentlich so sehr für Religionen und Weltanschauungen interessiere. Die Antwort ergab sich mir recht schnell: Religionen und Weltanschauungen prägen und formen Menschen, ihre Lebenswege und -ziele, ihre Handlungs- und ihre Denkweisen. Religion als etwas Veraltetes und Überlebtes zu klassieren und sich somit nicht mehr mit ihr zu beschäftigen, erscheint mir gerade in unserer heutigen pluralen Gesellschaft als äußerst kontraproduktiv: Die Mauern zwischen den Inidividuen werden höher und Misstrauen wächst. Eher sollten wir Religion verstärkt zu einem Thema machen, über welches offen diskutiert und debattiert wird: Was bedeutet Religion für Dich? Wieso ist Dir Religion in Deinem Leben so wichtig – oder halt auch nicht?

Die Teilnahme an Dialogperspektiven hat mir vor Augen geführt, wie wichtig ein offener Austausch ist – und dies insbesondere mit Menschen, die scheinbar so anders denken als ich, die die Welt scheinbar so anders sehen als ich. Die Tatsache, dass es bei Dialogperspektiven nicht in erster Linie darum geht, händeringend nach Gemeinsamkeiten zu suchen, sondern auch Konflikten und Reibungen einen Raum geboten wird, stellt für mich persönlich den großen Gewinn des Programmes dar.

Dialogperspektiven 2020-2021

Bis zum 15. August 2020 kann man sich HIER noch für die Teilnahme an dem Programm Dialogperspektiven für das Jahr 2020-2021 bewerben. Auch Studierende und Promovierende aus Luxemburg und anderen europäischen Ländern sind herzlich dazu eingeladen diese Chance zu ergreifen. Ich persönlich werde auch im kommenden Jahr an dem Programm teilnehmen und freue mich bereits sehr darauf – und dies nicht zuletzt, weil das Frühjahrsseminar, wie oben bereits erwähnt, in Luxemburg stattfinden wird und gemeinsame Aktivitäten mit der LSRS in Planung sind.

Mehr Informationen zu dem Programm Dialogperspektiven finden Sie hier: https://dialogperspektiven.de.


[1Ich möchte den Begriff der Identität an dieser Stelle nicht nochmals problematisieren bzw. dekonstruieren. Trotzdem möchte ich darauf hinweisen, dass ich den Begriff insbesondere dann als problematisch ansehe, wenn er dafür benutzt wird, um etwas Statisches und Abgrenzendes zu bezeichnen.

 
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