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19. Februar 2020

Bibel und Archäologie – oder: Kann man tatsächlich die Bibel durch Ausgrabungen beweisen?

Der biblische Archäologe Dieter Vieweger sprach über seine Arbeit als Archäologe und über das Verhältnis von Bibel und Archäologie

Eingeladen und vorgestellt durch Prof. Dr. Georg Rubel, Bibelwissenschaftler an der LSRS, der im letzten Jahr ein Forschungssemester an der École Biblique der Dominikaner in Jerusalem absolviert und bei der Gelegenheit Prof. Dr. Dr. Dr. h. c. Dieter Vieweger kennengelernt hatte, sprach der renommierte Referent am 11. Februar in einem außerordentlich gut besuchten und sehr kurzweiligen Vortrag über seine Arbeit als Archäologe und über das Verhältnis von Bibel und Archäologie. Dieter Vieweger, der in Leipzig Evangelische Theologie und in Frankfurt a. M. Ur- und Frühgeschichte studiert und sich in beiden Fächern promoviert hat, ist Experte für Biblische Archäologe und seit 2005 Leitender Direktor des Deutschen Evangelischen Instituts für Altertumswissenschaft des Heiligen Landes (DEIAHL) in Jerusalem (Israel) und Amman (Jordanien).

Zu seinen wichtigsten Ausgrabungsstätten in Jerusalem zählt die protestantische Erlöserkirche in der Nähe der Grabeskirche. In der Erlöserkirche steigen Besucher in einem archäologischen Park „Durch die Zeiten“ 14 Meter tief unter die Erde hinab. Dabei reisen sie durch die Geschichte der Stadt, vom Mosaikfußboden der Kreuzfahrerkirche über Spuren aus der Zeit Hadrians und der im Jahr 70 nach Christus zerstörten Stadt zu Gartenanlagen aus neutestamentlicher Zeit bis zum Steinbruch aus der Zeit Herodes des Großen, wo Jesus gekreuzigt wurde. Die genaue Lage des Kreuzes vermag Vieweger nicht zu belegen. Aber als Archäologe kann er die Lage und die Funktion dieses Ortes Golgota beschreiben. Als Hauptforschungsgegenstand seiner archäologischen Arbeit nennt Vieweger die so genannten „Tells“. Dabei handelt es sich um Siedlungshügel, auf denen mehrere Städte aus verschiedenen Zeiten geschichtet übereinander liegen. An manchen Tells, wie z. B. in Jericho, kann man dadurch 10 000 Jahre Geschichte an einem Ort ausgraben.

Was das Verhältnis von Theologie und Archäologie betrifft, so handelt es sich laut Vieweger um zwei ganz verschiedene Disziplinen. Die wissenschaftliche Theologie ist wesentlich älter als die klassische Archäologie, die erst seit gut 200 Jahren existiert. Infolge der napoleonischen Expedition nach Ägypten im Jahre 1798 kommt bei den Forschern das Interesse auf, mit der Archäologie und Altertumskunde die Bibel beweisen zu können. Aber für Vieweger steht fest, dass die Archäologie die biblischen Erzählungen nicht bestätigen kann. Vielmehr ist die Archäologie eine von der Theologie unabhängige und eine ihrer eigenen Methodik verpflichtete Wissenschaft, die Kulturen erkennen sowie Zeiten und Funde beschreiben kann. Auf diese Weise kann die Archäologie zum besseren Verständnis der Bibel beitragen. Prof. Vieweger kennt aber auch die Grenzen der Archäologie: „Was sich dort im Laufe der Zeit abgespielt hat, das kann man nicht in den Fußabdrücken der Menschen nachlesen.“

Nach den mit viel Herzblut und Leidenschaft vorgetragenen Ausführungen bedankte sich Prof. Dr. Rubel bei seinem Kollegen Vieweger dafür, dass er das Publikum auf bisweilen sehr amüsante Art und Weise für das Thema Bibel und Archäologie begeistern konnte. Da sich Prof. Dr. Dr. Dr. Vieweger in Luxemburg sehr wohl gefühlt hat und sein Vortrag auf sehr große Resonanz gestoßen ist, hat er versprochen, wieder einmal ins Großherzogtum und an die LSRS zu kommen. Die Einladung für einen neuerlichen Besuch ist bereits ausgesprochen.

Bodo Bost

Fotos: ©LSRS
Begrüßung von Prof. Dr. Dr. Dr. h. c. Dieter Vieweger durch Prof. Dr. Georg Rubel

Sehr geehrte Damen und Herren,

einen schönen guten Abend und herzlich willkommen an der Luxembourg School of Religion & Society (LSRS). Wir, und ich denke, ich darf an dieser Stelle auch im Namen von Herrn Direktor Prof. Jean Ehret sprechen, wir freuen uns, dass sie so zahlreich zu dieser Veranstaltung erschienen sind. Das hat wahrscheinlich einen doppelten Grund. Zum einen sind Sie interessiert am Thema „Bibel und Archäologie“. Davon gehe ich aus. Zum anderen sind Sie gespannt auf den Referenten. Das dürfen Sie auch sein. Ich habe Prof. Vieweger während meines Forschungsaufenthaltes an der École biblique in Jerusalem kennengelernt und war begeistert von seiner Führung unter der Erlöserkirche. Durch seine anschaulichen Ausführungen versteht er es, die toten Steine zum Leben zu erwecken und die biblischen Texte in einem neuen Licht erscheinen zu lassen. Heute Abend ist er hier.

Sehr geehrter Herr Prof. Dr. Dr. Dr. h. c. Vieweger, herzlich willkommen an der LSRS. Bevor Sie jetzt gleich zu uns sprechen, darf ich Sie kurz vorstellen:

  • Studium der Ev. Theologie in Leipzig
  • 1985 Promotion
  • 1986 bis 1989 Pfarrer des Thomanerchores Leipzig
  • 1989 Habilitation
  • 1989 bis 1991 Professor für alttestamentliche Wissenschaft an der Kirchlichen Hochschule Berlin
  • 1991 bis 1993 an der Humboldt-Universität Berlin;
  • seit 1993 Professor für alttestamentliche Wissenschaft und biblische Archäologie an der Kirchlichen Hochschule Wuppertal
  • 1993 bis 1998 Studium der Ur- und Frühgeschichte in Frankfurt a. M.
  • 1998 Promotion
  • seit 1999 Direktor des Biblisch-Archäologischen Instituts Wuppertal
  • seit 2005 Leitender Direktor des Deutschen Evangelischen Instituts für Altertumswissenschaft des Heiligen Landes in Jerusalem (DEIAHL) und Amman
    Leiter verschiedener archäologischer Forschungs- und Ausgrabungsprojekte in Jordanien, Israel und Palästina

Lieber Herr Vieweger, im Wintersemester lehren Sie an der Universität Wuppertal, im Sommersemester halten Sie sich zu Grabungen in Israel und Jordanien mit Sitz in Jerusalem auf. Das klingt nach einem professoralen Luxusleben. Das ist es sicherlich nicht, weil die Ausgrabungen sehr anstrengend sind. Ich frage mich nur: Wann haben Sie eigentlich noch die Zeit zum Bücherschreiben?

Von den vielen Veröffentlichungen von Prof. Vieweger möchte ich an dieser Stelle nur die drei wichtigsten Monographien nennen:

  • Archäologie der biblischen Welt: Grundlagenwerk für alle, die am Altertum, an der Archäologie sowie an der Geschichte Israels, Palästinas und Jordanien interessiert sind, 2003 erstmals erschienen, mittlerweile überarbeitet und erweitert.
  • Geschichte der biblischen Welt: Die südliche Levante vom Beginn der Besiedlung bis zur römischen Zeit, 3 Bände, Gütersloher Verlagshaus, Ende 2019.
  • Streit um das Heilige Land. Was jeder vom israelisch-palästinensischen Konflikt wissen sollte, mittlerweile in der 7. Auflage.

Ihrem Buch „Archäologie der biblischen Welt“ stellen Sie ein Wort des dänischen Philosophen, Schriftstellers und Theologen Søren Kierkegaard voran: „Verstehen kann man das Leben nur rückwärts. Leben muss man es vorwärts.“

Dieses Zitat trifft sowohl auf die Archäologie als auch auf die Biblische Theologie zu. Beide, die Archäologie und die Theologie richten ihren Blick zurück in die Vergangenheit. Aber beide sind keine musealen Wissenschaften, bleiben also nicht nostalgisch-verklärend in der Vergangenheit stehen, sondern versuchen, aus der Vergangenheit heraus die Gegenwart zu verstehen und aus diesem Verstehen heraus die Zukunft zu gestalten. Diese gemeinsame Blickrichtung, von der Retrospektive in die Prospektive, ist beiden Wissenschaften gemeinsam.

Schon etwas schwieriger ist das Verhältnis von Archäologie und Theologie zu bestimmen. Ist die Archäologie die Magd der Theologie und fungiert als bloße Hilfswissenschaft, die dazu dient, die Aussagen der Bibel zu beweisen? Oder handelt es sich bei der Archäologie um eine selbstständige Wissenschaft, die mit einer ihr eigenen Methodik zu fundierten Ergebnissen kommt, die auch für die Theologie relevant sind?

Prof. Vieweger wird diesen und anderen Fragen nachgehen. Der Titel seines Vortrags lautet: „Bibel und Archäologie – oder: Kann man tatsächlich die Bibel durch Ausgrabungen beweisen?“

Prof. Dr. Georg Rubel

 
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52 rue Jules Wilhelm
L-2728 Luxembourg

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