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27. November 2019

Beschauliche Ruhe im Auge des Welt-Zyklons

Eine Studien- und Pilgerreise zum hl. Berg Athos Ende Oktober 2019

Kontrasterfahrung

Wenn man nach mehreren Tagen auf dem hl. Berg Athos wieder in die Alltagswirklichkeit zurückkehrt, merkt man schnell und hart den Unterschied. Wir leben in einer getriebenen Welt, in der Eile und Hektik vorrangig sind. Ständig meinen wir etwas zu verpassen und zu spät zu kommen. Auf Athos ist genau das Gegenteil der Fall: es herrscht Ruhe wie im Auge eines Zyklons. Und ich werde rückblickend den Eindruck nicht los: Unser Alltagsrhythmus ist ungesund! Aber ich will von vorne beginnen.

Dies soll kein tagebuchartiger Reisebericht werden, eher ein Nachsinnen an ein paar besonderen Eindrücken entlang.

Bereits ein halbes Jahr vor der Reise auf den hl. Berg Athos muss man seinen Wunschtermin in einem Büro in Thessaloniki mit Passkopie einreichen. Erst nach der Bestätigung des Termins kann die Planung beginnen. Sie besteht im Wesentlichen darin, den Pilgerrucksack zu packen und zwar so, dass alles wirklich Notwendige dabei ist und dennoch der Rucksack nicht zu schwer wird. Wer dies zum ersten Mal tut, kann erleben, dass er viel zu viel mitnehmen will. Eine erste Maßnahme: Alles wird verkleinert! Die Zahnpasta, die Zahnbürste, die Sonnencreme, die Anzahl der Kleidungsstücke usw. Betritt man dann auf dem Athos zum ersten Mal eine Mönchszelle, wird einem bewusst, dass man immer noch viel zu viel mit sich herumschleppt. Eine grundlegende Einsicht: Zum Leben benötigt man eigentlich nicht sehr viel. Und unser Lebensstil mit all dem Schnickschnack, ist er wirklich lebensnotwendig oder vielleicht gar lebensgefährlich!?

Der Übergang

Der hl. Berg Athos ist Männern vorbehalten, nur der Gottesmutter steht er offen, dies ist ihr Garten, den die Mönche pflegen. Selbst weibliche Tiere sind nicht zugelassen, nur noch Katzen sind geduldet – der Mäuseplage wegen. Zugegeben, Frauen auszuschließen, erscheint nicht zeitgemäß, auch wenn dies nur einer der wenigen Flecken auf der Erde ist, an dem dies geschieht. Im Nachhinein muss ich sagen: Möglicherweise haben die Macher-Männer einen solchen Ort besonders nötig.

Wir sind eine kleine Gruppe von fünf Männern, die am Tag der zugesagten Einreise auf einem Büro der autonomen Mönchsrepublik Athos in Uranopolis in Nordgriechenland vorstellig werden müssen, um die Einreisegenehmigung, das Diamonitirion, zu erhalten. Hinter uns liegt ein Flug von Frankfurt nach Thessaloniki, eine dreistündige Fahrt mit einem Überland-Bus und eine Übernachtung. Es ist noch gar nicht richtig hell. Nach einem wunderbaren Frühstück machen wir uns mit unseren Rucksäcken auf den Weg zur Fähre, die einzige Einreisemöglichkeit auf den Athos. Mönche und Pilger gleichermaßen finden sich ein. Die Sonne beginnt langsam zu stahlen und wird nun den Rhythmus vorgeben, auch wenn wir es noch nicht so recht merken.

Die Stimmung ist noch etwas wie auf einem Ausflugsboot. Die Männer reden aufgeregt miteinander und haben Spaß daran, die Möwen, die die Fähre umkreisen, mit Keksen zu füttern. Ihre Flugkünste motivieren immer neu, Teile zum Fressen für die Vögel in die Luft zu werfen, die die Möwen im Flug teilweise halsbrecherisch ergattern.

Wie von unsichtbarer Hand geleitet, verschwinden die Möwen nach etwa einer Stunde. Die Stadt Uranopolis ist nicht mehr zu sehen und die erste Anlaufstelle auf dem Athos kommt in Sicht. Es ist dies der Hafen des Serbischen Kosters Dionisiou. Pilger warten schon, um ein- oder auszusteigen. Alles geschieht ohne großes Aufsehen, kein Geschrei, keine Hektik. Irgendwie hat sich Ruhe eingestellt, die uns ab jetzt begleitet. Sogar als die Tage einmal beim Verladen von Olivenkörben diese umkippen und sich die Ernte auf das Vorderdeck der Fähre ergießt, packen einfach alle ohne Schimpfen und Geschrei beim Einsammeln mit an und im Nu sind alle Oliven wieder in den Körben, nicht eine liegt mehr am Boden.

Das Aufnahmeritual

An der dritten Anlaufstation, am Kloster Dochariou, steigen wir aus. Volker, der die Reise für uns alle hauptsächlich vorbereitet hat, hat vorab bei den Klöstern per Brief um Aufnahme gebeten. Das ist keine Notwendigkeit und ebenso keine Garantie, hat aber wohl mit unserem Sicherheitsbedürfnis zu tun. Wenn ein Kloster keinen Platz mehr für Pilger hat, muss man zum nächsten laufen; sie liegen alle zwischen einer und drei Stunden Fußmarsch entfernt. Unsere Vorsorge veranlasst uns immer möglichst noch am Vormittag in die Klöster zu kommen.

Das Kloster Dochariou liegt an der Westküste des Athos-Armes, der als Halbinsel ins Meer ragt. Wir müssen also nicht allzu lange gehen. Dann beginnt ein Ritual, das sich auf unserer Reise noch mehrmals wiederholen wird: Wir werden mit Hinweisschildern in den Gästebereich geleitet. Nach einer geraumen Zeit erscheint der Gastmönch und fragt nach unserem Begehren. Wenn man im Kloster übernachten will, fragt der Gastpater nach dem Diamonitirion, der Aufenthaltsgenehmigung. Ist diese korrekt, wird man mit Namen und einigen Angaben in ein großes Gästebuch eingeschrieben. Zu meiner Überraschung wird dabei auch nach dem Namen des Vaters und der Mutter gefragt. Will man daran erinnern, dass man seine Herkunft immer verdankt. Jedenfalls eine gute Gelegenheit dankbar meiner Eltern zu gedenken, die beide bereits verstorben sind.

Ist sozusagen der offizielle Teil der Aufnahme erledigt, kommt der gemütliche Teil. Es gibt für jeden Pilger dann immer ein süßes Teilchen, ein Lukumi, ein Glas Wasser und einen Ouzo zur Stärkung, gelegentlich auch noch einen Kaffee. Oftmals entsteht zwischendurch ein kurzes Gespräch, über die Motivation auf den Athos zu gehen. Viele Mönche sprechen Englisch und immer hilft einer der Griechen, wenn etwas unklar ist.

Nach dieser Stärkung wird den Pilgern ihr Schlafplatz zugewiesen, in der Regel in einem großen Schlafsaal, nicht ohne auf die Gottesdienst- und Gebetszeiten der Mönche hinzuweisen und die Gäste dazu einzuladen.

Diese Aufnahmezeremonie geschieht in aller Ruhe und dauert in der Regel eine Stunde. Schnell haben wir unser funktionalistisches Nützlichkeitsdenken vergessen.

Burgartige Klöster

Nachdem wir unsere Sachen an unserer Lagerstatt abgestellt und unsere Wanderschuhe gegen Treckingsandalen ausgetauscht haben, erkunden wir neugierig die Klosteranlage. Die 20 Athos-Klöster sind wie kleine Burgen angelegt, mit einer Ringmauer und einem Wehr- und Aussichtsturm, denn es gab Zeiten, in denen sich die Mönche gegen brandschatzende Seeräuber erwehren mussten – Pechnasen inbegriffen. In der Mitte der Anlage befindet sich immer die rotgestrichene Klosterkirche, eine typische Kreuzkuppelkirche, die sich hinter den Mauern zu verstecken scheint; die Farbe soll an die Passion Christi erinnern. An den Innenseiten der Mauern sind die Gebäudeteile angebracht: die Mönchszellen, der Gästebereich, der Speisesaal, Vorratsräume. Eine verwinkelte, kleine, aber überschaubare Welt, die uns oft in der Mittagszeit entgegenkommt. Bis auf den Gastpater haben wir noch keine Mönche gesehen. Wir wissen noch nicht, dass sie jetzt ruhen.

Manche der Klosteranlagen sind sehr eng gebaut. Immer wieder entdeckt man neue Einblicke. Oftmals kann man Holzstiegen hinaufsteigen, um im zweiten Stock auf einem vorgelagerten Holzbalkon den Küstenverlauf zu bestaunen – mit seinen Wäldern, dem glasklaren blauen Meer, einer sanften Brise um die Nase und sonst menschenleer. Die Balkone wirken nicht immer sehr vertrauenswürdig. Man sieht zwischen den Brettern auf Fels hinab und hofft, dass die Stützstreben der armdicken Holzbalken halten. Hier gibt es sicherlich keine Sicherheitsbestimmungen.

Es ist viel Zeit, die Zeit einfach verstreichen und die Stille des Ortes auf sich wirken zu lassen. Es gibt keinen Programmpunkt, der abgearbeitet werden muss und die meisten Pilger ruhen sich einfach ein wenig aus.

Das heilige Gebot der Gastfreundschaft

Den Pilger als Gast zu beherbergen ist für die Athos-Mönche nicht einfach eine nette Geste. Sie folgen einer bereits im Alten Testament erfahrenen Lage und dem daraus abgeleiteten biblischen Gebot: „gewährt jederzeit Gastfreundschaft!“ (Röm 12,13). Die vorrausgehende Basiserfahrung dazu ist das Fremdsein Israels in Ägypten, also das Wissen, wie es ist, ein Gast zu sein, der wenigstens das Überlebensnotwendige, etwas zu essen und einen Schlafplatz braucht. Hinzu kommt, dass Abraham die Erfahrung machte (vgl. Gen 18), dass er unerkannt Gott selbst als Gast bewirtete. Jedenfalls ist jeder Mensch ein Abbild Gottes, eine Ikone also, etwas, was in der orthodoxen Christenheit eine besondere Rolle spielt.

Nur Gaststatus zu haben, ein geduldeter Fremdling zu sein, ist eine bis heute wirkende Menschheitserfahrung. Es geht also nicht darum, ein paar Freunde mal zum Essen einzuladen. Es ist für die Athos-Mönche, wir würden so schön sagen, eine logistische Leistung bis zu 200 Pilger zu versorgen.

Essen gibt es zweimal am Tag, direkt im Anschluss an die Gottesdienste zum Sonnenauf- und zum Sonnenuntergang. Immer gibt es ein einfaches, aber schmackhaftes Essen. Die Athos-Mönche leben in Selbstversorgung und vegetarisch. Es gibt oft Nudel- oder Reisauflauf mit Gemüse, selbstgebackenes Brot, Oliven, Tee und Wasser, sonntags einen halben Becher Wein.

Gegessen wird schweigend und es gibt eine begleitende Lesung, die wir leider nicht verstehen, oftmals Heiligenlegenden, wie wir erfahren. Durch das Schweigen ist Achtsamkeit und Rücksichtnahme angesagt, Handzeichen genügen, um an alles auf dem gemeinsamen großen Tisch heranzukommen.

Der Abt des Klosters bestimmt mit einem Klopfzeichen das Ende des Essens. Alle stehen unmittelbar auf und lassen alles stehen und liegen, auch das vielleicht gerade angebissene Brot. Für die Mönche ist Essen eine nur notwendige Nebensächlichkeit. Ihre eigentliche Berufung ist das Lob Gottes in Gebeten und Gottesdiensten.

Den Abschluss des Essens bildet noch eine beeindruckende Besonderheit. Alle Mönche ziehen zuerst aus der Trapeza aus und stellen sich dann im Spalier für die Pilger auf, die dann erst den Speisesaal verlassen. Die Mönche drücken ihre Hochachtung vor den Gästen dadurch aus, dass sie sich tief vor ihnen verneigen. Und am Ende der Mönche steht der Abt des Klosters, der mit erhobener Segenshand, ganz so wie auf den Christusikonen, die Pilger verabschiedet. Ein bewegender Moment jedes Mal.

Da die Klöster mit dem Sonnenuntergang ihre Pforten schließen, kehrt nach dem Abendessen schnell Ruhe ein. Die rasch hereinbrechende Nacht tut ein Übriges dazu. Bettruhe ist angesagt, soweit dies in den großen Schlafsälen möglich ist. Dazu will ich nur sagen: Es ist unglaublich, wie viele unterschiedliche Möglichkeiten es gibt zu schnarchen.

In den Wachphasen der Nacht verbreitet sich in manchem der Klöster noch der Duft und der Schein einer Petroleumlampe. Man fühlt sich um mindestens hundert Jahre zurückversetzt.

Im Rhythmus des Lichts

Ein ungewöhnliches Geräusch ist zu hören, das Tock-Tock des Schlagholzes, Semandron genannt, mit dem ein Mönch durch das Kloster läuft, um zum Gottesdienst einzuladen. Es ist noch tiefschwarze Nacht. Der Blick auf die Uhr verrät, es ist drei Uhr. Der Nachgottesdienst der Mönche beginnt. Manche stehen jetzt auf. Wir werden erst um halbsieben dazu stoßen, wie die meisten Pilger. Dann wird der Gottesdienst immer noch ca. zwei Stunden dauern. Die Mönche feiern also fünf- und mehrstündige Gottesdienste. Das ist ihre Hauptbeschäftigung. Mit dem zweistündigen Abendlob ein normaler „Arbeitsumfang“. Allerdings muss dann noch der Garten bestellt und die Pilger versorgt werden, ein umfangreicher Nebenjob.

Wenn wir dann zum Gottesdienst kommen, herrscht immer noch Dunkelheit. Der Lichtschein an den Fenstern der Kirche weist uns den Weg. Wir betreten einen Vorraum der dreigeteilten Kirche, die noch aus einem Hauptraum mit der Bilderwand der Ikonostase besteht und dem dahinterliegenden Allerheiligsten, das dem Priestermönch vorbehalten ist. Der Vorraum empfängt uns mit warmem Kerzenlicht und dem Schein der Öllämpchen, die vor den Ikonen aufgehängt sind. Die müden Augen müssen sich erst an das schwache Licht gewöhnen. Besonders die vielen Ikonen mit ihrem Gold und den hellen Gesichtern werden unter den flackernden Lichtern wie lebendig. Die Wechselgesänge der Mönche, die für uns mit ihren Viertel- und Achteltonschritten ungewohnt sind, dringen an unser Ohr. In der orthodoxen Welt gibt es keine Orgelmusik, die Mönche erheben ihre Stimme unmittelbar zum Lobe Gottes. Wie schaffen sie das nur, all die Stunden lang?

Die orthodoxen Pilger verehren immer, wenn sie in die Kirche eintreten die Ikonen. Das bedeutet, dass sie sich tief vor ihnen verbeugen, sie berühren und küssen. Es ist, als würden sie eine bekannte, hochstehende Person herzlich begrüßen. Es gibt in der orthodoxen Christenheit die Vorstellung, dass im Bild der Ikone tatsächlich und wirklich der oder die Dargestellte anwesend ist. Auf diese Weise wird der ganze Raum lebendig und die Gemeinschaft erweitert sich.

In jedem Gottesdienstraum befindet sich das Chorgestühl der Mönche an den Außenwänden. Wir können als Pilger diese als Sitzgelegenheit ebenso nutzen, doch viele Pilger stehen während der Gottesdienste.

Mich faszinieren die leuchtenden Ikonen, die mit dem langsam, beinahe unmerklich eintretenden Licht des Tages immer mehr zu strahlen beginnen. Ein Moment auf den ich jedes Mal besonders warte, denn erst jetzt wird so richtig deutlich, dass häufig alle Wände der Kirche über und über mit Ikonen bedeckt sind. Eine Freude für die Augen. All dies geschieht langsam, beinahe im stufenlosen Übergang. Das ist der Rhythmus des Lichtes, der sich im zarten Kerzenschein schon angedeutet hat und nun den lichten Tag ankündigt.

Mit dem Licht werden auch die Gesichter der Pilger immer deutlicher zu erkennen. Jeder tritt ein in diese große Gemeinschaft. Und als wolle man dies auch noch auf andere Weise verdeutlichen, gibt es in jedem Gottesdienst einen Abschnitt, in dem ein Mönch mit dem kleinen Weihrauchfass, das in der Ostkirche verwendet wird, alle Ikonen verehrend durch den Raum geht und ebenso jeden, wirklich jede Person einzeln segnend in den Duft des Weihrauchs hüllt. Dies ist zudem das Zeichen des nahen Endes des Gottesdienstes und der Beginn des „Frühstücks“. Es ist nach unserem Gefühl, wie oben schon angedeutet, eher ein Mittagessen – am Morgen wirklich gewöhnungsbedürftig.

Die Türsteherin

Eine Erfahrung muss ich gesondert erzählen. An einem der freien Nachmittage mache ich mich alleine vom Kloster Karakallou auf, um die berühmte wundertätige Ikone des Kosters Iviron zu sehen. Ich will, wie ich zu meinen Mitpilgern sage, die Ikone der „porta itissa“, der Türsteherin, begrüßen, wenn wir schon nur einen eineinhalbstündigen Marsch von ihr entfernt sind.

Der Weg führt vom Kloster Karakallou stets bergab bis zur Küste und dann an dieser noch eine Weile entlang. Ein wenig muss man auf die Wegzeichen achten, denn von den größeren Schotterpisten führen die alten Pilgerpfade ab, die man schnell übersehen kann, denn so manches alte Hinweiszeichen ist verwittert und nur selten durch ein neues ersetzt. Unterwegs wird mir klar, dass der Rückweg, der dann im Wesentlichen bergan führt, deutlich beschwerlicher werden wird. Aber wenigstens habe ich kein Gepäck zu schleppen. In der Mittagshitze bei 27 Grad spüre ich nach etwa einer Stunde Durst und stelle fest, dass ich ohne Wasserflasche unterwegs bin und auch sonst nicht sehr planvoll vorgegangen bin. Wie soll es denn möglich sein, die Türsteherin zu sehen? Wenigstens weiß ich, dass es in jedem der Klöster einen Brunnen gibt, den ich zum Durstlöschen nur finden muss. Dem stetig langsamen Gehen der Füße passen sich die Gedanken an.

Nach eineinhalb Stunden komme ich am Koster Iviron an und muss ein wenig nach der Eingangspforte schauen. Gleich etwas unterhalb des Klostereingangs sehe ich den Brunnen und lösche erst einmal meinen Durst. Gespannt trete ich in den großen Klosterhof der Iberer, ursprünglich eine Gründung der als Ostiberer bezeichneten Georgier.

Gerade kommen ein paar Mönche aus der Klosterkirche, die wieder den Innenhof dominiert. Ein Würdenträger mit seinem golden leuchtenden Brustkreuz sticht aus der Menge. Er winkt sogleich junge Pilger zu sich, fragt sie nach ihrem Namen und segnet sie. Ich halte gebührenden Abstand und fotografieren ist sowieso in den Klöstern untersagt, was ich respektiere.

Ich gehe durch den Klosterbezirk und überlege, ob ich den Rückweg nicht etwas vereinfachen kann, denn ich bin bei der Ankunft nahezu um das ganze Kloster herumgegangen. Also mache ich mich auf den Weg, um auf der Rückseite nachzuschauen, denn dort sehe ich einen weiteren Durchgang. Allerdings führt ein Weg direkt in den großen Klostergarten und ein anderer eigentlich in die entgegengesetzte Richtung. Da kommt auf dem Weg ein Jeep angefahren, aus dem ein Mönch und vier junge Pilger aussteigen. Dies ermuntert mich, den Mönch nach dem Rückweg zu fragen. Ja, das wäre durchaus möglich, denn nach einer kurzen Strecke würde sich der Weg in die gewünschte Richtung drehen. Eingeladen durch diese freundliche Art frage ich spontan weiter, ob es vielleicht möglich wäre, die Ikone der Türsteherin zu sehen. Der Mönch schaut mich kurz intensiv an und sagt nach einer kleinen Pause erneut Ja. So laufe ich dem Pilgertrupp hinterher und kann mein Glück gar nicht so recht fassen. Der Mönch führt uns in eine kleine Kapelle etwas abseits von der eigentlichen Klosterkirche und bittet uns zu warten. Diese Kapelle hatte ich so gar nicht wahrgenommen, ganz zu schweigen, dass ich dort die gesuchte Ikone finden könnte. Nach einer kleinen Weile, die wir im Vorraum der eigentlichen Kapelle warten, kommt ein weiterer Mönch mit einem großen, reich verzierten Schlüssel und öffnet den Zugang zur porta itissa.

Bei Türstehern fallen uns breitschultrige Männer ein, die den Zugang zu bestimmten Etablissements gestatten und noch viel häufiger verwehren. Doch hier sind die Rollen getauscht. Die Türsteherin ist die Ikone der Gottesmutter mit dem Jesuskind. Sie ist reich mit Silber belegt, so dass man nur die gemalten Gesichter sieht, die aufgrund ihres beinahe 1000-jährigen Alters nachgedunkelt sind und dennoch eine ruhige Besonnen-heit ausstrahlen. Und dann geschieht das Unglaubliche. Immer mehr Männer strömen in die kleine Kapelle, es sind vielleicht dreißig, allesamt gestandene Mannsbilder, wie man so schön sagt. Und diese Männer gehen vor diesem Bild in die Knie, ja sie werfen sich förmlich in den Staub, nicht einmal, dreimal. Sie gehen wohl geordnet nacheinander und in Stille vor diese Ikone, niemand drängelt sich vor, alle nehmen Rücksicht aufeinander und warten geduldig, bis jeder die Ikone verehrt, vor ihr gebetet, sie geküsst und manche sogar liebevoll die Stirn an sie gedrückt haben. Ein bewegender Moment, den ich leider nach vielleicht zwanzig Minuten für mich abbrechen muss, denn der Rückweg kommt mir in den Sinn.

Vor der Kapelle sehe ich den Mönch, den ich nach dem Weg gefragt hatte und bedanke mich bei ihm mit einem „eucharisto“, ein tiefsinniges Wort, das nicht von ungefähr an Eucharistie erinnert. Er ermuntert mich noch anerkennend für den sicher zweistündigen Rückweg zum Kloster Karakallou.

Wie hat sich doch alles gefügt – auch ohne genaue Vorplanung. Dankbarkeit breitet sich aus, auch wenn ich jetzt schon ahne, dass ich nicht rechtzeitig zum vereinbarten Zeitpunkt zurück sein kann. Innerlich beschwingt laufe ich los.

Der Weg an der Küste entlang ist relativ eben und erst nach einer halben Stunde beginnt der Aufstieg zum Übernachtungskloster. Ich laufe vielleicht 10 Minuten bergauf, da kommt ein Jeep an, der neben mir anhält, ein Mönch sitzt am Steuer. Seine Frage ist klar: Wohin? Meine Antwort ebenso: Monasteri Karakallo. Ein Handzeichen zum Einsteigen genügt und der Mönch lässt mich nach einer durchaus rasanten Fahrt von etwa 20 Minuten auf der höchsten Anhöhe aussteigen. Der Jeep muss zum Kloster Philotheou weiter. Ein weiteres „Eucharisto“ ist alles, was wir sprechen. Es ist wie ein kleines Wunder, denn auf diese Weise bin ich sogar noch vor der Zeit zurück und meine Mitpilger staunen nicht schlecht – zumal ich meine Erlebnisse gleich erzählen muss.

Dankbar sein und einfach leben

Es gäbe noch viele solcher kleinen und größeren Geschehnisse zu erzählen, die man nur aufmerksam wahrnehmen muss, oft genügt ein waches Hinschauen und Hinhören. Wir haben auf unserem Pilgerweg nicht nur ein paar wunderschöne Athosklöster gesehen. Mit den Tagen stellte sich eine innere sinnierende Ruhe ein und zwar in der Weise, dass man über den Sinn des (eigenen) Lebens nachzudenken beginnt. Was ist wirklich wichtig? Es wird allzu deutlich, es sind nur wenige lebensnotwendige Dinge. Alles andere wird einem oft in überraschender Weise einfach zuteil, wie ein wundersames, überraschendes Geschenk, das Dankbarkeit auslöst.

Diese Grundhaltung der dankbaren Gelassenheit ist bei den Mönchen zu spüren und zu erleben. Sie gewähren nicht eine gut funktionierende Gastfreundschaft für die Pilger, um etwas abzuhaken. Die Dankbarkeit für ihr Dasein beziehen die Mönche ausdrücklich auf Gott als den Geber des Lebens und alles Guten. Genau dies geben sie an die Pilger weiter – auch als Anfrage an unsere Lebensgestaltung. Dieses Gottvertrauen ist gerade keines der Zeichen einer männlich verstandenen erfolgreichen Lebensgestaltung, die sich allerdings genau besehen in einer Dauerspirale des Habenwollens verselbstständigt.

Einfach leben und dabei die Dankbarkeit nicht vergessen, die man auf andere Gegebenheiten und vor allem uns umgebende Menschen beziehen kann, das ist wie ein stummer Impuls. Plötzlich erscheint die Lebensweise der Mönche gar nicht mehr so weltfremd. Dieser Anstoß passt genau genommen mitten in unsere Zeit, die sich immer mehr Sorgen um die Schöpfung machen muss. Ein besonderer Auftrag für Gläubige und die Kirche überhaupt, den es konkret zu realisieren gilt, allerdings in Ruhe und Gelassenheit.

Bericht und Fotos: ©Wolfgang Fleckenstein
Prof. Dr. Wolfgang FLECKENSTEIN wolfgang.fleckenstein lsrs.lu

Leiter des „Service de la formation des adultes“

 
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