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Lebens- und Glaubenstage 2020 . Journées de vie et de foi 2020
13. November 2020

Rückblick auf die Vortragsreihe Lebens- und Glaubenstage 2020

Geborgen und unbehaust: Wie begegnen Religionen der Sehnsucht nach Heimat?

Die inspirierende Vortragsreihe enthüllt, dass Heimat auch ein „heißes“ Thema der Religionen darstellt, weil sie die fundamentale Frage nach den Wurzeln menschlicher Geborgenheit aufwirft, ein Gebiet, auf dem Religionen – historisch betrachtet –, immer Kompetenz beansprucht haben. Die unterschiedlichen Beiträge bilden Stoff für viele Diskussionen; das lässt sich auch aus dem Austausch, der auf die Konferenzen folgte, schließen. Ein Fazit: Das Thema „Heimat“ ist nicht mit dieser Reihe erledigt, weil es existentiell und gesellschaftspolitisch wichtig bleibt. Einig sind sich die Referent*innen in der Grunddiagnose: Beheimatet-Sein ist kein Zustand, sondern Sehnsucht und Aufgabe jedes Menschen in „dieser“ Welt.

Die Reihe über die religiöse Perspektive auf die menschliche Sehnsucht nach Heimat umfasste 6 Vorträge, und zwar aus der Sicht des Judentums, des Islams, der Bahai-Religion, des Buddhismus und des Christentums. Sie schloss ab mit einem Überblick und einer Analyse aus philosophischer Sicht.

Die Denkanstöße der Referenten verdichten sich zu einem zentralen Menschenbild: Beheimatet-Sein ist kein Zustand, sondern eine Sehnsucht und Aufgabe des Menschen. Heimatlosigkeit erscheint in der Vortragsserie direkt und indirekt als eine Dimension, die grundlegend zur menschlichen Existenz gehört. In diese Richtung geht auch die abschließende Betrachtung des Philosophen Hubert Hausemer.

Er nimmt als wesentliche Überlieferung der Religionen eine Ursprungsituation von Unheil wahr, die er als Trennung und Fremdheit übersetzt. Menschliche Heimatlosigkeit wird so zur zentralen Diagnose der Heilsreligionen. Dass nun gerade Religionen sich historisch als Bewältigungsstrategie anbieten, begründet er mit der Transzendenz ihrer Quelle, die jenseits von Vergänglichkeit absolute Sicherheit verheißt.

Man wird an jene These des Philosophen Sloterdijk erinnert, dass Religionen im Grunde großangelegte Übungssysteme seien, die den Menschen immunisieren gegen die Herausforderungen seiner Selbst- und Welterfahrung, im Kontext dieser Betrachtung: gegen die Erfahrung des Entwurzeltseins.

Die Kultivierung der transzendenten Beziehung erweist sich in den Vorträgen als wesentlicher Anker, der religiösen Menschen Resilienz verleiht, d. h. seelische Widerstandskraft gegenüber Erfahrungen von Fremdheit, was am deutlichsten der psychologisch geschulte Islamexperte Dr. Rabie Fares in seinem Vortrag „Exil: Eine existentielle Erfahrung und eine spirituelle Suche im Islam“ betont hatte.

Seelischen Halt können auch religiöse Gebäude wir Kirchen geben. So veranschaulicht es die Theologin Christiane Kremer-Hoffmann in ihrem Beitrag „Kirchenräume: Von der Sehnsucht nach geheiligten Räumen“. Dabei wird gleichzeitig eingeräumt, dass transzendente Erfahrungen nicht verfügbar sind, also auch nicht in die Materie eingeschlossen werden können.

Religionen inspirieren zu bestimmten Grundhaltungen gegenüber der Sehnsucht nach Heimat. Gerade die „irdische“ Heimat wird relativiert: Dem liberalen Rabbiner Alexander Grodensky kommt es gemäß seinem Vortrag „Was ist Heimat? – Ein Rabbiner denkt laut nach“ nicht auf die geographische Heimat an, sondern auf die Thora als entscheidende Heimatbasis, die überall hin mitgenommen werden kann. Ethik sei hier das Entscheidende.

Im Islam ist, so stellt es Dr. Rabie Fares dar, das irdische Leben lediglich eine Durchgangsstation zurück zu Gott. Irdische Existenz gelte als Testfall für die Treue zur transzendenten Sphäre. Der Tod hat dabei seine Schrecken verloren.

Dr. Dylan Esler legt in seinem Vortrag „Sein Zuhause verlassen – Loslösung im Buddhismus: Ideal, Lebensweg und innere Haltung“ wie kein anderer Referent Gewicht auf den buddhistischen inneren Weg einer Loslösung, so dass der Mensch auf tiefgreifende Weise frei sein kann, auch für den Dienst an seine Mitmenschen. Die Arbeit an sich selbst führt hier gleichsam dazu, in sich selber ganz beheimatet zu sein.

So lässt sich beobachten, wie Religionen es ermöglichen, mit einschneidenden Lebenserfahrungen – z. B. Verlust von materieller Sicherheit und Tod – umzugehen, die nicht einfach in ein bestehendes Sinnraster gepresst werden können. Der schöpferische Impuls der Religionen geht immer über die individuelle Bedürftigkeit hinaus. Sie stärken den Angehörigen auch durch Gemeinschaftsbildung. Am stärksten wird im Vortrag über die Bahai-Religion von Frau Dr. Farah Dustdar unter dem Titel „Wie kann die Erde Heimat werden für alle?“ eine allen aufgetragene Verantwortung von religiöser Seite her artikuliert, die Menschheit als Ganze darin zu unterstützen, die Erde zu einem menschenwürdigen Wohnort für alle zu machen.

Metaphorisch lässt sich ausdrücken, dass der religiöse Mensch als Bürger zweier Welten dargestellt wird, des Jenseits und des Diesseits, der transzendenten Welt und der immanenten Welt. Seine Identität wird demnach als im Absoluten gegründet verstanden. Dieses Fundament gewährt nicht nur eine gewisse persönliche Stabilität in den Wechselfällen des Lebens, sondern wird auch als schöpferische Quelle erlebt, um im Hier und Jetzt Heimat im „vorläufigen“ Sinne zu erleben und zu schaffen.

Die LSRS bringt die Beiträge dieser Serie in einem Heft heraus, das über folgende Email-Adresse bestellt werden kann: publications lsrs.lu.

Ingo HANKE

 
LUXEMBOURG SCHOOL OF RELIGION & SOCIETY
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